Mikrokosmos

Sunday mood?
Ich nehm dich gerne mit auf eine kleine Reise zur Kanzlei in Zürich: Da findet jeden Samstag ein Flohmarkt statt – und was für einer! Man findet da nicht nur ganze Tische voll mit Ladekabeln neben Kuhglocken, nein, auch in Sachen Persönlichkeiten trifft man allerhand. Nicht die Persönlichkeiten, die du jetzt denkst, kein Moritz Leuenberger oder so. Ja, die Kanzlei hat ja das Image eines linken Orts. Aber die Persönlichkeiten, die ich meine, sind Menschen wie du und ich – jeder mit seinem «Rucksäckli» am Rücken, im übertragenen Sinne. Obwohl ich schon schmunzeln muss, wenn ich manche mit Rucksäcken sehe, die fast grösser sind als sie selbst, meist so der Typ Google-Employee vom optischen her. Da frag ich mich schon, was die alles bei sich herumtragen…

Es sind aber eh die Menschen, die man kurz wahrnimmt – im Moment. Da ist der grosse, schneeweisse Rothaarige, der nervös am Eingang in sein iPhone starrt und den man später wieder sieht, wie er mit seiner Begleitung für zwei uralte iPads verhandelt. Oder der Jamaikaner, der neben einem auf der Bank sitzt und dem anderen Typen seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Aber das Beste ist einfach: Dort beim Café Xenix an einem Tisch sitzen und es passieren lassen. Die Begegnungen lassen nicht lange auf sich warten.

Mit der Kamera auf dem Tisch und einer Stange Panaché vor mir setzte sich eine etwa gleichaltrige Frau neben uns. Sie drehte sich eine Zigarette nach der anderen. Irgendwann fragte sie: «Bist du in einem Fotoclub?» Sie habe eben wegen die Kamera gedacht, fuhr sie fort. Ich antwortete ihr, dass ich die eigentlich immer dabei hätte – man wisse ja nie, was einem so begegnet draussen in der Welt. Sie fand das amüsant und erzählte mir, dass sie auch eine gute Kamera zu Hause hätte und gern wieder anfangen würde zu fotografieren und da ihr ganzes altes Archiv wegen einer kaputten Festplatte weg sei, müsse sie quasi viel aufholen. Sie machte sich wieder ans Zigaretten drehen, und ich dachte mir: das wäre glaub gemeint mit «andere Leute inspirieren».

Da drüben am hohen Bartisch sassen zwei Typen, die ausschauten, als hätten sie mindestens vier Firmen im Unterhaltungsbusiness gehabt – oder vielleicht auch eine Surfschule. Wer weiss. Auf jeden Fall wurde laut diskutiert über Politik, über das Geschehen in der Welt. Und ich glaub, das hat sie auch ausgemacht: Der eine definitiv US-Amerikaner am Akzent an, der andere unverkennbar Schweizer mit Oldschool-Schweizer-Enlisch so verschieden und doch gleich die beiden.

Am Tisch nebenan, da wo vorher die italienische Familie sass, die sich glaube ich jedes Wochenende hier trifft, sassen nun zwei ältere Herren. Der eine mit hellblauer Sonnenbrille mit dicken schwarzen Rahmen, Jeansjacke, und der andere mit einem Lederhut, der so abgegriffen glänzte wie ein Stück Speck – gepaart mit einem Seidenfoulard mit bunten Rechtecken. «Wie ein Künstler», dachte ich mir, und falsch war das nicht.

Kaum hatte ich mich umgedreht, rief es von hinten: «Hey, willst du ein Portrait?» Dankend lehnte ich ab. Dann schoss der mit den hellblauen Brillengläsern auf und sagte zum anderen in lautem, einfachem Deutsch: «Ich finde jemand für dich!» Der Künstler sprach aber fliessend Portugiesisch – zumindest hatte er sich mit der Dame, die er porträtierte, auf Portugiesisch unterhalten, während er mit seinem Bleistift, dessen Spitze sicher drei Zentimeter lang war, aufs Papier schlug. Sichtlich verlegen schaute die Frau leicht gerötet immer wieder zu unserem Tisch. Ein lustiges Schauspiel eigentlich, denn getroffen hat er sie ziemlich gut, wie ich fand.

Später meldete sich bei mir ein leichter Hunger, obwohl ich vor einer Weile schon ein Raclette vom Essenstand geholt hatte – schön sah der aus, der Käse, mit getrockneten Blüten und Chiliflocken obendrauf. Gut war er auch! Aber zurück zum neuen Hunger: Ich lief also rüber zum K-Sandwich-Fenster, «dem» Koran-Take-Away der Stadt, wie man munkelt, und holte mir eines dieser aufgeschnittenen Fancy-Toasts aus Korea.

Zurück an meinem Tisch malte der Künstler sein neues Opfer – diesmal von unserem Tisch. Fin sass perfekt im Sichtfeld, direkt neben Richie, der dann auch noch ein Portrait abbekam. Langsam verdunkelte sich aber auch der Himmel, nicht nur das Papier des Malers. Es fing sogar an zu donnern. Da war langsam Schluss hier auf dem Platz, und die meisten Stände wurden abgebaut – manche hatten sogar noch ein «gratis»-Schild an ihre Ware gehängt.

Ich weiss jetzt nicht genau, ob das daran lag, dass das Verkaufen von Waren nach 16 Uhr untersagt ist – so hatte es ein paar Minuten vorher aus dem Megafon geheissen – oder ob es denen einfach zu mühsam war, alles wieder nach Hause zu nehmen.

Auf jeden Fall war es ein wunderbarer Tag: raus aus der zur zeit leicht verrückten Welt, hinein in diese kleine Welt auf dem Kanzleipatz, umgeben vom dicken, schmiedeeisernen Zaun. Ein richtiger Mikrokosmos eben.



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